Zum Tod der Dramaturgin und Filmkritikerin Erika Richter (6.1.1938-24.8.2020)

von
Ralf Schenk

Die Dramaturgin und Filmkritikern Erika Richter war für die Filmentwicklung im deutschen Osten, aber auch für die filmhistorische Erinnerungsarbeit eine Institution. In ihren Jahren bei der DEFA bestärkte sie junge Filmschaffende und förderte Filme von Frauen; als unermüdlicher Motor hielt sie die Zeitschrift „Film und Fernsehen“ nach der Wende ein Jahrzehnt lang am Leben. Jetzt ist sie im Alter von 82 Jahren gestorben.

Erika Richter betrieb mit Leidenschaft einen Beruf, den es in den Abspännen deutscher Kinofilme heute nicht mehr gibt: den der Dramaturgin. Bei der Babelsberger DEFA, wo sie angestellt war, bildete die Dramaturgie eine Schaltstelle der Filmproduktion. Hier wurden, gemeinsam mit den Autoren und oft auch schon mit den Regisseuren, Stoffe ausgedacht, geprüft, entwickelt, wieder verworfen oder zur Drehreife gebracht. Die Dramaturginnen und Dramaturgen verstanden sich ja nicht, wie heute gelegentlich behauptet wird, als politische Kontrolleure einer vom Staat alimentierten Filmproduktion. Das konnten sie manchmal auch sein, aber mehr noch galten sie als künstlerisch-ästhetische Wegbegleiter, die ihre Stoffe begeistert verfochten.

Erika Richter, geboren am 6. Januar 1938 in Aachen, hatte ihr Handwerk in den 1950er-Jahren an der Deutschen Hochschule für Filmkunst Potsdam-Babelsberg studiert und danach unter anderem als Redaktionsassistentin bei der Zeitschrift „Deutsche Filmkunst“ und nach deren Auflösung als Redakteurin der „Filmwissenschaftlichen Mitteilungen“ gearbeitet. Zusammen mit Kollegen wie Heinz Baumert und Wolfgang Gersch entwickelte sie dabei eine an internationalen Maßstäben geschulte Filmpublizistik

Hoffnungen, Wünsche, Forderungen

Von 1967 bis 1969 war Richter Lektorin am DDR-Kulturzentrum in Kairo; dem Aufenthalt entsprang das vom Henschelverlag publizierte Buch „Realistischer Film in Ägypten“. Das war nicht nur eine Hommage an eine exotische Filmnation; die Autorin resümierte hier auch ihre Hoffnungen, Wünsche und Forderungen an ein gegenwartsnahes, wahrhaftiges, eingreifendes Kino überhaupt. Wer wollte, konnte aus ihren Beschreibungen herauslesen, welche Art Kino sie im eigenen Lande bevorzugte. In ihrer anschließenden Dissertation widmete sie sich folgerichtig jenen DEFA-Filmen der jüngeren Zeit, die sie als maßstabsetzend ansah: „Der Dritte“ und „Die Schlüssel“ von Egon Günther, „Leben mit Uwe“ von Lothar Warneke sowie „Die Legende von Paul und Paule“ von Heiner Carow.

Mit diesem Anspruch kam sie 1976 ins Babelsberger Studio. Als Dramaturgin machte sie sich schnell einen Namen: mit sicherem Gespür für starke Stoffe, kampfbereit gegen Widerstände, klug argumentierend, stets offen für politischen Wagemut und ästhetisches Neuland. Erika Richter stieß Tore auf, in vielerlei Hinsicht. In 16 Jahren entstanden unter ihrer Obhut mehr als 20 Filme: darunter Lothar Warnekes „Die Beunruhigung“ (1981) und „Blonder Tango“ (1985), Rainer Simons „Jadup und Boel“ (1981) und „Die Besteigung des Chimborazo“ (1989), Evelyn Schmidts „Das Fahrrad“ (1982), Siegfried Kühns „Die Schauspielerin“ (1988), Heiner Carows „Coming Out“ (1989), Jörg Foths „Biologie!“ (1990) und Herwig Kippings „Das Land hinter dem Regenbogen“ (1991). Einige andere Projekte, mit denen sie Jahre verbracht und die sie leidenschaftlich verteidigt hatte, mussten – oft aus politischen Gründen – aufgegeben werden, etwa das Rockmusical „Paule Panke“, das Heiner Carow gemeinsam mit Rolf Richter verfasst hatte.

Vor allem das Gegenwartskino trieb Erika Richter an, die ästhetische Durchdringung zeitgenössischer Probleme und Konflikte. Und Filme von Frauen: Evelyn Schmidt, Iris Gusner und später auch Helke Misselwitz standen ihr nahe.

Kampf um die Zeitschrift „Film und Fernsehen“

Mit Rolf Richter, ihrem klugen, einfühlsamen, streitbaren Ehemann seit den 1950er-Jahren, fand sie nach dem Ende der DEFA eine neue Berufung: Als der Henschelverlag die Zeitschrift „Film und Fernsehen“ in die freie Marktwirtschaft und damit gewissermaßen auch in den Untergang entließ, setzten die beiden alles daran, das Blatt zu retten. Zunächst monatlich, dann in unregelmäßigeren Abständen wurde „Film und Fernsehen“ bis 1999 zur Plattform erregender Debatten zu Filmgeschichte und -gegenwart. Besonders spannend sind heute die Texte zur Filmentwicklung in Ostdeutschland nachzulesen. Nach dem frühen Tod ihres Mannes kümmerte sich Erika Richter nicht nur um Sinn und Form der Zeitschrift, sondern auch um deren Finanzierung: für jedes neue Heft ein Balanceakt. Nicht selten setzte sie private Mittel ein, um den Druck der nächsten Ausgabe zu gewährleisten. Auf Dauer war das undenkbar; die Zeitschrift musste sich verabschieden. Nach ihrem Ende konnte ein Teil der Themen vom „Jahrbuch der DEFA-Stiftung“ aufgenommen werden, das zwischen 2000 und 2005 erschien und von Erika Richter – zusammen mit Claus Löser und mir – redigiert wurde.

Nicht erst in diesen gemeinsamen Jahren wurde mir bewusst, dass Erika Richter für die Filmentwicklung im deutschen Osten und zugleich für die filmhistorische Erinnerungsarbeit eine Art Institution darstellte. Woher nahm sie nur all die Zeit: Für ihren Einsatz fürs Berliner Kino „Babylon“, das in den 1990er-Jahren ja mehrfach vom Untergang bedroht war? Für ihre kuratorische Arbeit im Auswahlkomitee des „internationalen forums des jungen films“? Für ihre Artikel in Büchern, Tageszeitungen und Zeitschriften? Für Filmeinführungen, Diskussionen, Vortragsreisen fürs Goethe-Institut? Für die durchaus opferbereite Anteilnahme an der Filmarbeit eines Regisseurs wie Fred Kelemen, in den sie so viele Hoffnungen setzte? Die Ehrungen, die sie erhielt – etwa die Berlinale-Kamera 2003 oder der Preis der DEFA-Stiftung 2012 – nahm sie freundlich gelassen entgegen, um gleich am nächsten Abend wieder im Kino Arsenal, im Krokodil oder im Toni zu sitzen und dort alte und neue Filme zu sehen und sich darüber auszutauschen.

Mit hellwachen Augen

Nach und nach fiel es ihr, von einer tückischen Krankheit gezeichnet, immer schwerer, die Wohnung zu verlassen. Erika Richter, die ein Leben lang so unbändig gerne diskutiert hatte, verstummte. Am Ende war sie ganz und gar in sich verschlossen, mit noch immer hellwachen Augen. Am 24. August 2020 ist Erika Richter 82-jährig in Berlin verstorben.

Zuerst erschienen im Filmdienst. Vielen Dank an den Autor und die Redaktion.