Vom 22. bis 26. April 2026 fand in Osnabrück das 39. European Media Art Festival (EMAF) statt . Zum dreizehnten Mal wurde beim Osnabrücker Medienkunstfestival der EMAF Medienkunstpreis des Verbands der deutschen Filmkritik vergeben. Er ging an einen Film der International Selection, die in acht Programmen 30 Filme aus 19 Ländern präsentierte. Über den Preis entschieden in der Jury Masha Matzke, Maja Roth und Ursula von Keitz.
Der EMAF Medienkunstpreis geht in diesem Jahr an den 25-minütigen chilenischen Film Dead Tongue (Lengua muerta) von José Jiménez, einen experimentellen Dokumentarfilm, der beim EMAF in deutscher Erstaufführung zu sehen war. Seine Weltpremiere hatte der Film ein Jahr zuvor im Flash-Wettbewerb des FID Marseille. Der Programmteil, in dem der Film beim EMAF zu sehen war, war überschrieben Within Descent.

Dead Tongue (Lengua muerta) handelt von Ricardo Rifo, der im Jahr 1980 von Ingrid Olderöck, der mächtigsten Frau der Geheimpolizei während der chilenischen Diktatur, zum Hundetrainer ausgebildet wurde. Vier Jahrzehnte später irrt der Bauer durch eine unwirtliche und verwüstete Landschaft, gequält von der Unmöglichkeit, das Grauen in Worte zu fassen.
Begründung der Jury:
„I want to tell you something, but I can’t ist kein voraussetzungsloser Satz. Im Halbdunkel einer rauen Küstenlandschaft konkretisiert sich ein einsamer, von sechs Hunden begleiteter Wanderer. Auf seinem Weg, eine Erinnerung zu finden, bleibt das Gesicht jenes Wanderers abgewendet, seine Stimme konsequent vom Körper getrennt. Lengua muerta / Dead Tongue von José Jiménez überträgt das Noch-nicht-Sagbare in die filmische Form. Die Fragmenthaftigkeit seines Gedächtnisses verbindet sich gekonnt mit einer Schwarzweiß-Ästhetik des Bruchs und der Leerstellen.
Die Kamera von Matías Illanes führt in stofflich dichten Naturaufnahmen durch undurchdringliches Dickicht und kahle Wüsteneien, durch eine malträtierte Landschaft, in die sich anhaltend die Grausamkeit der Pinochet-Diktatur einschreibt. In der Dauer, die diese Einstellungen zulassen, wird der gewalttätige Zugriff des Menschen erfahrbar: Waldrodungen, Schiffsfriedhöfe, Schutthalden, Stottern und Hundefletschen. Bild, Stimme und Geräusche vermitteln bis in die Blickhaft einer langen statischen Einstellung hinein eine physische Präsenz, die die Spuren der Gewalt sowohl im Sujet sucht als auch in die grobkörnig-raue Materialität der filmischen Oberfläche projiziert.“

Eine Lobende Erwähnung geht an den 16-minütigen Film Daria’s Night Flowers (گلهای شب ِدریا)der iranischen Filmkünstlerin Maryam Tafakori, entstanden in iranisch-britisch-französischer Gemeinschaftsproduktion. Auch dieser Film war beim EMAF in deutscher Erstaufführung zu sehen und hatte seine Weltpremiere ein Jahr zuvor im Flash-Wettbewerb des FID Marseille. Der Programmteil, in dem der Film beim EMAF zu sehen war, war überschrieben Figures of Dissolution.
Daria’s Night Flowers (گلهای شب ِدریا)handelt von Daria, die ihr erstes Manuskript verfasst hat, in dem sie von ihrer Liebe zu einem geheimnisvollen Mädchen namens Abi (blau) erzählt. Die Nachtblumen in ihrem Garten verbergen die Geheimnisse eines Landes, in dem Liebesgeschichten zu alltäglichen Tatorten geworden sind.
Begründung der Jury:
„Wie zeigen, was in der offiziellen Repräsentation nicht gezeigt werden darf? Maryam Tafakorys sinnlich-poetische Montage von Fragmenten des iranischen Kinos kreiert ein Gegenarchiv, das durch Verdichtung von Gesten und Blicken das verborgene Begehren von Frauen im Iran als auch deren brutale Sedierung und Auslöschung freilegt. In der dichten, halluzinatorischen, zärtlichen wie haptischen Textur des Films wird die gewaltsame Verinnerlichung der Zensur kunstvoll mit der Externalisierung unterdrückter Emotionen und Realitäten verwoben und sinnlich erfahrbar gemacht.“

Die Preisverleihung fand in einer Matinee-Veranstaltung am Sonntag 26. April um 11 Uhr in der Kunsthalle Osnabrück statt. Mayra Morán, Editorin des Preisträgerfilms Dead Tongue (Lengua muerta), nahm den Preis für Regisseur & Autor José Jiménez entgegen.
Zum zweiten Mal fand die Preisverleihung im Rahmen eines einstündigen und auf Englisch abgehaltenen Jury-Panels statt, auf dem die Jurorinnen Masha Matzke und Maja Roth ihre Eindrücke vom Festival und ihre Einschätzung der International Selection wiedergaben sowie die Auszeichnungen der Filme Dead Tongue (Lengua muerta) und Daria’s Night Flowers (گلهای شب ِدریا) begründeten.

Auch der Preisträgerfilm Dead Tongue (Lengua muerta) wurde im Rahmen des Panels gezeigt und dann in einem erweiterten Gesprächskreis erörtert. An diesem von Masha Matzke und Maja Roth moderierten Gespräch nahmen Mayra Morán als Editorin des Films und Juan David González Monroy als Repräsentant der Auswahlkommission teil.

In einer Video-Botschaft bedankte sich José Jiménez für den EMAF Medienkunstpreis, den Mayra Morán für ihn in Empfang nahm. Dem Jury-Panel und der Preisverleihung folgte ein Empfang.
Wir wiederum bedanken uns sehr herzlich bei Masha Matzke, Maja Roth und Ursula von Keitz für ihre engagierte Jury-Arbeit und speziell noch einmal bei Masha Matzke und Maja Roth für das souverän geführte Jury-Panel.
Zudem bedanken wir uns wie immer sehr bei Festivalleiterin Katrin Mundt für die großzügige Weiterführung der Kooperation in neuem Gewand genauso wie bei Katharina Lohmeyer, Tanja Horstmann, Nicole Rebmann und allen anderen vom Festival-Team für die stets herzliche Unterstützung. Nicht zu vergessen die beiden Festival-Fotografinnen Kerstin Hehmann und Angela von Brill, bei denen wir uns ebenfalls sehr bedanken.

