Elfi Mikesch erhält den Ehrenpreis der deutschen Filmkritik 2025

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Der Ehrenpreis der deutschen Filmkritik geht in diesem Jahr an die Filmemacherin, Fotografin und Kamerafrau Elfi Mikesch. Ausgezeichnet wird ein Werk, das Filme wie Ich denke oft an Hawaii (1978), Was soll’n wir denn machen ohne den Tod (1980), Macumba (1982) und Verrückt bleiben – verliebt bleiben (1997) ebenso umfasst wie ihre wegweisende Arbeit hinter der Kamera. Der Preis würdigt Mikesch als Pionierin eines eigenwilligen, subversiven und queeren Anarcho-Kinos ebenso wie ihre beständigen Grenzüberschreitungen zwischen Dokumentation und Fiktion. Er gilt ihren prägenden Kollaborationen mit Regisseur:innen wie Rosa von Praunheim (Leidenschaften, 1972), Monika Treut (Verführung: Die grausame Frau, 1985) und Werner Schroeter (Malina, 1991).

Ihre Kameraarbeit gehört zu den eigenwilligsten Positionen des deutschen Kinos. Aus der Fotografie kommend, stellt sie Blickwinkel infrage und macht im Alltäglichen eine eigene Poesie sichtbar. Von zunächst überwiegend statischen Einstellungen entwickelt sich ihre Bildsprache hin zu zunehmender Beweglichkeit: zu expressionistisch-gekippten Bildern und anschmiegsam-gleitenden Kamerafahrten. Mikeschs Kamera interagiert beinahe tänzerisch mit ihrem Gegenüber. Sie setzt Körper und Gesichter so in Szene, dass sie vor Sinnlichkeit strahlen. Ihr Bedürfnis nach Grenzüberschreitung artikuliert sich nicht nur in experimentellen Weitwinkelkompositionen, sondern ebenso in der Asynchronität von Bild und Ton, im Wechsel zwischen dokumentarischen und inszenierten Szenen, zwischen Schwarzweiß und Farbe. Mit extravaganten Sujets stimuliert sie unsere Imagination und macht Grenzerfahrungen zum Thema: Liebe gegen Konventionen, sexuelle Fantasien, das Aufbegehren gegen Rollenklischees. Durch die Überlagerung von Traum und Wirklichkeit wird Kino bei ihr zum Ort von Geheimnissen und Gefahren.

Programmatisch lässt sich diese Haltung im Titel ihres autobiografischen Bild-Text-Bandes „Der Traum der Dinge“ zusammenfassen. In ihren bewegten und unbewegten Bildern sind die alltäglichen Dinge von einem unbestimmten Zauber umgeben. Dieses Bekenntnis zu einer märchenhaften Kraft, die immer auch Schutz vor den Zumutungen der Wirklichkeit gewährt, ist im deutschen Kino außergewöhnlich – und in unseren düsteren Zeiten wichtiger denn je. Mikeschs kompromissloses Festhalten an Fantasie, Sinnlichkeit und Lust am Bildermachen ist für die Filmkritik seit Jahrzehnten eine Quelle steter Freude und Inspiration. So können wir uns für den Ehrenpreis der deutschen Filmkritik im Jahr 2025 keine würdigere Preisträgerin vorstellen als Elfi Mikesch.

Innovationspreis des Verbands der deutschen Filmkritik 2025 für Sinema Transtopia

Foto © Marvin Girbig

Mit dem Innovationspreis zeichnet der Verband der deutschen Filmkritik in diesem Jahr den 2014 von Malve Lippmann und Can Sungu in Berlin gegründeten Berliner Verein und Projektraum bi’bak für sein Kinoexperiment Sinema Transtopia aus. Das von Lippmann und Sungu 2020 initiierte Projekt versteht Kino als sozialen Diskursraum. Durch eine Vielzahl von kuratierten Filmreihen, Workshops und Symposien sowie durch die konsequente Öffnung ihrer Räumlichkeiten für internationale wie lokale Communities schlägt Sinema Transtopia eine Brücke zwischen urbanem Raum und Film als kultureller Praxis. So entsteht ein Ort der Begegnung, der Diskussion, des Austauschs und der Solidarität, an dem sich auf der Leinwand wie im Foyer Nachbarschaftliches und Globales miteinander verbinden können. 

Der Preis gilt vor allem dem filmpolitischen, filmhistorischen und erinnerungskulturellen Engagement des Vereins, der durch die Auswahl seiner Programme und seine Veranstaltungen unermüdlich die ästhetischen Dimensionen globaler Migration und Mobilität sichtbar macht. Preiswürdig ist insbesondere die von Sinema Transtopia vorangetriebene kritische Erweiterung eines deutschen bzw. eurozentrischen Filmerbes um postkoloniale und (post-)migrantische Perspektiven. Mitten in Berlin ist so ein Ort entstanden, an dem eine wahrhaft vielfältige, transnationale Filmkunst und -kultur zelebriert wird. 

In Zeiten eines gesellschaftlichen Rechtsrucks und massiver Sparmaßnahmen im Kulturbereich soll daher die Beharrlichkeit und Verstetigung eines Projektes gewürdigt werden, das nur sechs Jahre nach seinen Anfängen aus der deutschen Filmlandschaft längst nicht mehr wegzudenken ist. 

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Der Ehrenpreis und der Innovationspreis des Verbands der deutschen Filmkritik werden im Rahmen der Verleihung der Preise der deutschen Filmkritik 2025 während der Berlinale vergeben. Die Preisverleihung findet am Sonntag, dem 15. Februar 2026 ab 15 Uhr in der Akademie der Künste am Pariser Platz statt. Die Laudatio auf Elfi Mikesch hält Monika Treut, die Laudatio auf Sinema Transtopia hält Cem Kaya.