Portrait: Catherine Frot zu „Odette Toulemonde“

Sie bezaubert ganz Frankreich

Als "Odette Toulemonde" könnte Catherine Frot auch bei uns endlich in die Starliga aufsteigen

Berliner Morgenpost, 25. Oktober 2007 

Von Thomas Abeltshauser 

Der Nebel hängt tief an diesem Oktobermorgen in Paris. Dass da oben nachts Sterne leuchten, ist nur schwer vorstellbar. Doch die Wetterlage passt gut zur Begegnung mit Catherine Frot in einem Café in Montparnasse: In ihrer Heimat ist die Schauspielerin seit Jahren ein Star, aber hierzulande kaum bekannt. Das könnte sich nun ändern: Ihr Film "Odette Toulemonde", der in Frankreich über 900 000 Zuschauer zählte, startet heute in unsren Kinos. In der Bestseller-Verfilmung spielt sie eine Art französisches Lieschen Müller, die ihrem angehimmelten Lieblingsautor begegnet. Die gutgelaunte, leicht naive Frau ist eine Paraderolle für Catherine Frot.

Vor drei Jahren war die Französin, die am 1. Mai 50 wurde, in "Zwei ungleiche Schwestern" die Provinznudel, die ihrer neurotischen Großstadtschwester Isabelle Huppert auf die Nerven ging, vor zehn Jahren erhielt sie als alberne Schwägerin in "Typisch Familie!" einen César als beste Nebendarstellerin. Sie erinnert in diesen Filmen ein wenig an Gelsomina, die traurige Clownin in Fellinis "La Strada". Ein Vergleich, der sie freut: "Giulietta Masina war lange ein Idol, eine Art Leuchtturm für mich." Wie die Masina schauen auch Frots Figuren mit großen Augen in die Welt, die sie wohl besser verstehen, als ihre kindlichen Züge vermuten lassen.

Aber es gibt noch eine andere Frot, eine, die schmallippig bürgerliche Frauen spielt, unter deren kontrollierter Fassade es brodelt. Wie die labile Klavierspielerin Ariane im Psychothriller "Das Mädchen, das die Seiten umblättert", die falsches Vertrauen in ihre rachsüchtige Assistentin schöpft. Ariane und Odette könnten unterschiedlicher kaum sein, ein Kontrast, den die Frot immerzu sucht: "Ich bin zerrissen zwischen diesen Extremen, schon seit Jahren. Leid und Glück, Intelligenz und Naivität. Aber ich würde auf keines verzichten wollen."

Es sind nicht die einzigen Pole: Neben der Kamera ist das Theater ihr zweites Zuhause. Erst kürzlich stand sie an der Champs-Élysées auf der Bühne und würde noch viel öfter Theater spielen, "aber im Moment ist in Frankreich nicht viel los mit jungen Autoren". Frot kommt, wie so viele französische Charakterdarsteller, vom Theater, spielte Tschechow für Peter Brooks, Ibsen für Luc Bondy. Ihren Filmeinstieg hatte sie 1980 bei Altmeister Alain Resnais. Kein schlechter Start.

Die Frot redet nicht gern über sich: "Mir fällt es leichter, über meine Figuren zu sprechen." Sie findet es ermüdend, wie sich viele im Fernsehen zur Schau stellen. Frot ist eine Aktrice der alten Schule: diskret und sehr darauf bedacht, ihr Geheimnis zu bewahren. Vielleicht ist sie darum ein gutes Beispiel für Frankreichs Liebe zu seinen Aktricen: Sie bewahren sich das gewisse Etwas, eine Aura, anstatt bodenständig wirken zu wollen.

Doch auch ein französischer Kinostar hat eine Biografie. Die der Frot beginnt in einem von Ratio geprägten Elternhaus, der Vater Ingenieur, die Mutter Mathematiklehrerin. Ihre Schauspielerei wirkt da wie Rebellion. "In meiner Jugend war alles so organisiert und eindeutig, da war das Theater wie eine Offenbarung. Als ich 15 war, ließen sich meine Eltern scheiden, da war die Bühne eine Art Flucht für mich." Sie lacht kurz. "Ist ja wie eine Psychoanalyse hier!"

Im Film trifft Odette auf den von ihr verehrten Romancier – und bringt kein Wort heraus. Eine Situation, die sie auch andersherum kennt. "Hin und wieder fangen Menschen an zu stottern und schauen mich an, als wäre ich aus einer anderen Welt. Im Kino erleben sie eine Traumwelt und wenn sie jemanden auf der Straße treffen, ist es wie ein Schock für sie."

Wie zum Beweis verlässt Catherine Frot nach dem Gespräch das Café und auf dem Trottoir starrt ihr eine ältere Dame lange hinterher. Sie kann kaum glauben, dass sie an diesem nebligen Morgen gerade einen Stern gesehen hat.

 

Thomas Abeltshauser

lebt und arbeitet in Berlin.

Magister Artium in Filmwissenschaft und Publizistik an der Freien Universität Berlin. Magisterarbeit über den Begriff des Stars bei John Waters.

Seit 1997 regelmäßig Filmkritiken, Interviews und Portraits zu aktuellen Kinostarts und popkulturellen Themen in Magazinen (Vanity Fair, Neon, Monopol, Ray...) und Tageszeitungen (Die Welt, Berliner Morgenpost, Berliner Zeitung, taz...).

www.filmjournalist.de