Interview: Ang Lee zu „Gefahr und Begierde“

"Ich lebe in meinen Filmen"

Ang Lee über Dreharbeiten in China, über seine Arbeit mit den Schauspielern und über den Konflikt zwischen gesellschaftlichen Pflichten und persönlichen Neigungen

Ray Filmmagazin November 2007

Interview: Thomas Abeltshauser

Können Sie ein wenig über den politisch-ideologischen Hintergrund der Widerstandsbewegung erzählen, die auch in GEFAHR UND BEGIERDE vorkommt?

Vor den Kommunisten war in China eine nationalistische Partei an der Macht, die Guomindang. Die Kommunisten waren zu dieser Zeit nur eine Minderheit, erst im Krieg wuchs die Anhängerschaft wieder, weil sich die Guomindang nicht mehr auf die Verfolgung der Kommunisten konzentrieren konnte. Die kommunistischen Widerstandskämpfer gegen die japanische Invasion und die Kollaborateure haben sich damals gegenseitig ermordet und bei Attentaten niedergemetzelt. Shanghai war ein gefährliches Pflaster, weil es dort ein Viertel gab, in dem Glücksspiel und Prostitution erlaubt waren. Viele Leute zogen dorthin und es herrschte eine Art morbider Aufschwung. Es war eine Hochburg für Mode, Drogen, Glücksspiel. Auf offener Straße kam es regelmäßig zu Attentaten. Ich will gar nicht zu viel erzählen, weil man dem Film nicht gerecht wird, wenn man ihn erklärt. Um der Handlung zu folgen, reicht es, wenn man weiß, dass es Widerstandskämpfer und Kollaborateur gab.

War es nach dem Erfolg von BROKEBACK MOUNTAIN für Sie wichtig, einen Film in ihrer Heimat Taiwan zu drehen?

Das lief eher unbewusst. Die Idee dazu kam mir während der Postproduktion von BROKEBACK MOUNTAIN, etliche Jahre nachdem ich die Shortstory von Eileen Chang zum ersten Mal gelesen hatte. Wie bei BROKEBACK MOUNTAIN ist es eine Vorlage, die als unverfilmbar galt. Ich war vom großen Erfolg von BROKEBACK MOUNTAIN völlig überrascht, und eine Weile machte es mir das auch Spaß, aber irgendwann war ich von der ganzen Oscar-Kampagne so ermüdet, dass ich eine Woche nach der Verleihung in ein Flugzeug gestiegen bin und mit der Locationsuche für GEFAHR UND BEGIERDE begann. Aber ich hatte keinen Plan, wenn Sie das meinen. Das war nur der Stoff, den ich in dem Moment am meisten machen wollte. Aber es ist schwieriger, einen chinesischen Film zu drehen als einen amerikanischen.

Warum das?

Weil die Filmindustrie in China viel kleiner ist. Ich muss da immer als Diktator auftreten. Nichts läuft da glatt, und es wird nicht Altes erhalten. Manchmal dauerte es eine Woche, nur um eine bestimmte Requisite zu finden. Die ganze Recherche ist viel aufwändiger. Die Crew, die Technik, alles ist viel weniger entwickelt und ausgebildet. Ich muss die wichtigsten Elemente der Produktion nach China importieren und die dort vorhandenen Möglichkeiten aufrüsten, um die hiesige Filmindustrie aufzuwerten, damit sie zu Hollywood aufschließen kann. Und auch auf psychologischer Ebene finde ich es sehr anstrengend, einfach weil dort viel stärker darauf geachtet wird, was ich mache und wie ich Dinge darstelle.

Ist es auch schwieriger, weil es Ihnen selbst näher ist?

Auch, ja. Weil es persönlicher ist, fällt es mir schwerer, es in Kunst zu verwandeln. Wenn es mir zu nahe geht, habe ich Schwierigkeiten, einen Subtext zu finden. Und wenn ich einen historischen Film mache wie jetzt, habe ich unter Umständen eine andere Meinung zu den Ereignissen und der damaligen Zeit als die Menschen, die heute dort leben. Ich hatte größte Mühe, den Schauspielern und Komparsen beizubringen, auf welche Art sie sich zu bewegen und zu gehen haben. Und die Menschen damals waren viel scheuer und zurückhaltender. Heute weiß doch keiner mehr, was Zurückhaltung ist. Das musste ich ihnen alles erst beibringen. All diese kleinen Nuancen sind mir extrem wichtig, ich will sie richtig hinbekommen, deshalb beschäftige ich mich mit Dingen, um die sich andere Regisseure nicht kümmern. Und die verschlingen 80 Prozent meiner Energie. Das ist sehr ermüdend.

Was hat Sie an Eileen Changs Kurzgeschichte so fasziniert?

Vor allem zwei Dinge: Zum einen macht mir dieser Patriotismus ziemlich Angst, weil er nie in Frage gestellt wird. Es ist das, was uns wir alle gemeinsam haben, seit Ideologien und Religionen an Bedeutung verlieren. Konfuzianismus funktioniert schon lange nicht mehr. Mittlerweile ist die Vaterlandsliebe die stärkste Kraft in der chinesischen Kultur, und sie hat ihre Wurzeln in einer sehr ausgeprägt patriarchischen Gesellschaft. Zum anderen hatte ich aber auch Angst vor dieser Kurzgeschichte, weil sie aus der Perspektive einer Frau über den patriotischen Krieg gegen Japan erzählt. Eine sehr irritierende und beängstigende Kombination.

Wie meinen Sie das?

Ich kann mich einfach sehr gut mit der weiblichen Hauptfigur identifizieren. Durch das Schauspielen, das Annehmen einer anderen Rolle, findet sie ihr wahres Ich. Das kommt jenem Zusatnd ziemlich nahe, den ich empfinde, wenn ich Filme drehe: Eine Rolle spielen und einen Film drehen, hat psychologisch sehr viel gemeinsam. Bei beidem kann man Dinge tun, für die man im wahren Leben keine Konsequenzen fürchten muss, die einen aber doch prägen. Nur durch dieses So-tun-als-ob kann man sein inneres Ich erfahren. Auch ich scheue mich vor der Realität.

Die Kunst als Weg zur Wahrheit?

Deswegen lesen wir doch Romane, deswegen sehen wir uns Filme und Theaterstücke an. Wir suchen die Wahrheit, ohne die Folgen zahlen zu müssen. Wir lernen, was es heißt Mensch zu sein, ohne selbst wirklich zu handeln.

Was ist die Wahrheit Ihres Films?

Sie ist grausam und brutal. Sie sagt es an einer Stelle des Films: Die Beziehung zwischen Mann und Frau in Zeiten der Besatzung ist erniedrigend. Die Beziehung zwischen Mann und Frau ist die ultimative Besatzung. Nur wird im Film nicht ganz klar, wer der Besatzer ist, wer wen foltert. Einer ist immer der Jäger und einer das Opfer.

Im Film gibt es einige sehr explizite Sexszenen, für die Ihnen manche Kritiker schon „Pornografie“ vorwarfen. Fiel es Ihnen schwer, sie zu drehen?

Die schwierigsten Szenen, die ich je gedreht habe. Für mich ist das die ultimative Art des Schauspiels, weil alles über Körpersprache ausgedrückt wird. Im Grunde handelt der ganze Film davon: Die Frau muss sich beim Sex so verstellen, damit sie sein Vertrauen gewinnt. Dabei sucht der Mann und Politiker die Wahrheit in ihren Augen. Gefahr und Begierde. Darum geht es.

Ihre Hauptdarstellerin ist in Ihrer ersten Kinorolle zu sehen. Hatte sie keine Bedenken?

Sie hatte keine Ahnung, was sie erwartet und das habe ich ausgenutzt. Dadurch haben wir etwas ganz Besonderes eingefangen. Für Tony Leung ist es eine größere Herausforderung, weil er so viel Schauspielerfahrung hat. Schon wenn wir das Licht setzten, wusste er, worauf wir aus waren. Es war eine Art Psychokrieg zwischen ihm als Schauspieler und mir als Regisseur, inwieweit er bereit ist, das Schauspiel aufzugeben und einen Schritt weiterzugehen.

Werden Sie die Sexszenen für China schneiden?

Für den chinesischen Markt werden wir kürzen müssen, aber in Taiwan wird der Film unzensiert laufen. Die asiatische Presse hat insgesamt sehr positiv reagiert. Die meisten haben die Szenen als notwendigen und integralen Bestandteil der Geschichte erkannt. Sie waren schockiert, haben diesen Schock aber ernst genommen.

Auch die USA sind recht prüde…

Dort wird der Film so laufen, wie er ist, aber mit einer NC-17-Freigabe, also nur für Leute ab 18. Das könnte ein Problem darstellen, weil er dann in den Medien nicht beworben werden darf und viele Kinos ihn nicht spielen werden. Aber wir werden ihn nicht schneiden.

Sie haben gesagt, jetzt sei der richtige Moment, um diesen Film zu drehen. Warum?

Es war einfach so ein Gefühl. Nach dem Erfolg von BROKEBACK MOUNTAIN hielt ich es für den richtigen Augenblick, um über diesen Teil der chinesischen Geschichte zu sprechen. Er ist immer noch ein Tabu in der chinesischen Gesellschaft. Das Projekt wurde etliche Male von der Filmbehörde abgelehnt, niemand wollte etwas mit dieser Kurzgeschichte zu tun haben. Aber mittlerweile habe ich eine Reputation und damit die Ressourcen und die Macht, einen solchen Film zu drehen. Die Zuneigung, die ich seit BROKEBACK MOUNTAIN spüre, ist gewaltig. Ich genieße es, aber es ist auch eine unglaubliche Bürde. Außerdem habe ich mich mit Liebe, Verlangen und der Suche nach dem eigenen Selbst seit CROUCHING TIGER, HIDDEN DRAGON immer wieder auseinandergesetzt. Es verfolgt mich geradezu und ich kann nicht mehr damit aufhören. Und ich bin endlich die Angst losgeworden vor dieser Geschichte. Ich hatte davor mehr Angst als davor, einen Film über schwule Cowboys in Amerika zu drehen.

Was sagt ein solches Historiendrama über die heutige Zeit aus?

Es sagt alles über das Verhältnis von Männern und Frauen, wie Beziehungen funktionieren. Der Besatzer und die Besatzungszone. Und über unser animalisches Grundbedürfnis nach Lust und die Gefahren, die wir dafür auf uns nehmen. Das ändert sich nie.

Fühlen Sie sich eher in Taiwan oder in den USA zuhause? Sie leben seit fast 30 Jahren in Amerika.

Die ehrlichste Antwort wäre: Ich lebe in meinen Filmen. Ich borge mir einen Film nach dem anderen als meine Heimat. So sehe ich das. Daneben ist natürlich New York mein Zuhause, weil dort meine Familie lebt, meine Frau, meine Kinder. Wenn ich nach Taiwan zurückkehre, um meine Mutter und meine Geschwister zu besuchen, fühlt sich das ein bisschen wie Heimkommen an, aber zugleich fühle ich mich wie ein Gast. Ich kann dort nicht auf die Straße, weil mich sofort Passanten erkennen und auf mich zustürzen. Ich habe dort keine Freiheit, keine Entspannung.

Sie drehen sehr unterschiedliche Filme. Sehen Sie einen roten Faden, der sich durch Ihr Werk zieht?

SENSE AND SENSIBILITY bringt es ganz gut auf den Punkt. Der Konflikt zwischen gesellschaftlichen Verpflichtungen und dem persönlichem, freien Willen. So wie hier: Sie ist beauftragt, den Agenten zu bezirzen, um ihn zu ermorden und sie verliebt sich in ihn. Im Gegensatz zu früher geht es mir heute mehr um das Unterbewusste, unsere inneren Dämonen. Wir stellen eine bestimmte Person dar, aber nur um unser Innerstes zu schützen. Je mehr ich mich damit beschäftige, umso furchterregender finde ich es.

Thomas Abeltshauser

lebt und arbeitet in Berlin.

Magister Artium in Filmwissenschaft und Publizistik an der Freien Universität Berlin. Magisterarbeit über den Begriff des Stars bei John Waters.

Seit 1997 regelmäßig Filmkritiken, Interviews und Portraits zu aktuellen Kinostarts und popkulturellen Themen in Magazinen (Vanity Fair, Neon, Monopol, Ray...) und Tageszeitungen (Die Welt, Berliner Morgenpost, Berliner Zeitung, taz...).

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