Filmkritik: „Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“

Der elegische Spätwestern zeigt die letzten Tage des Jesse James als bildgewaltige Chronik eines angekündigten Todes.

 

RAY Filmmagazin November 2007 

 

Text: Thomas Abeltshauser

 

Ein Bild steht nie für sich, es vervollständigt sich erst im Auge des Betrachters. Das gilt für Kinobilder ebenso wie für öffentliche Bilder, für Images. Jenes von Jesse James schwankt dabei zwischen berühmt-berüchtigter Gangster und einer Art Robin Hood, je nach Blickwinkel. Mit seiner Bande sorgt er Ende des vorletzten Jahrhunderts eine Weile dafür, dass der amerikanische Westen seinem wilden Ruf gerecht wird. Banken, Züge, Kutschen, wohlhabende Reisende ­ nichts ist vor ihnen sicher. Für einen letzten Überfall versammeln sie sich noch einmal in einem Waldstück an der Bahntrasse, danach werden sie sich in alle Winde zerstreuen. Die Helden sind müde, doch die Angst vor Verrat wird sie auf Lauerstellung halten. Das nicht exakt ortbare Rauschen der Natur zeugt bereits von dieser latenten Paranoia. Der Neuseeländer Andrew Dominik zeigt in seinem zweiten Spielfilm immer wieder Aufnahmen scheinbar endloser Weite, grüne Felder mit hüfthohem Gras, durch das der Wind pfeift. Es geht um die schöne Oberfläche und das Böse, das sich darunter verbirgt. Und die Trugbilder, die uns unsere Augen (und Ohren) suggerieren. Einem solchen falschen Image erliegt auch der Jungganove Robert Ford. Der idealistische, bisweilen tumbe junge Mann (großartig dargestellt von Casey Affleck) verehrt Jesse James (Brad Pitt), will so sein wie er. Er verschlingt die Groschenheftchen, die sensationsheischend den Kriminellen zur Legende verklären. Ford heuert schließlich bei der James-Gang an und versucht ebenso zielstrebig wie unbeholfen, immer wieder James’ Vertrauen zu gewinnen. Doch der Anführer, der längst ahnt, dass seine Tage gezählt sind, lässt ihn am ausgestreckten Arm verhungern. Weil der kleine Fan nie zum großen Star wird, versucht er schließlich durch die Ermordung seines Idols unsterblich zu werden. Der Spätwestern ist die opulente Chronik eines angekündigten Todes, dessen Titel im Grunde schon die ganze Geschichte erzählt. Die 156 Minuten sind eine ästhetische und bildgewaltige Prozession zwischen Todessehnsucht und Paranoia. Das Leben als Legende, so scheint es, macht einsam und depressiv. Selten sah Weltschmerz so gut aus. Ganz nebenbei ist der Film eine beängstigend aktuelle Reflexion auf die Schattenseiten des Starkults, wenn Berühmtheiten zum Freiwild für Stalker werden, die durch eine Wahnsinnstat versuchen, selbst in die Schlagzeilen zu kommen. Damit Selbstbild und Fremdbild eins werden.  

Thomas Abeltshauser

lebt und arbeitet in Berlin.

Magister Artium in Filmwissenschaft und Publizistik an der Freien Universität Berlin. Magisterarbeit über den Begriff des Stars bei John Waters.

Seit 1997 regelmäßig Filmkritiken, Interviews und Portraits zu aktuellen Kinostarts und popkulturellen Themen in Magazinen (Vanity Fair, Neon, Monopol, Ray...) und Tageszeitungen (Die Welt, Berliner Morgenpost, Berliner Zeitung, taz...).

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