Interview mit DANI LEVY zu „Das Leben ist zu lang“
Dani Levy ist jetzt 50 plus, so alt wie der Regisseur Alfi Seliger in seinem neuen Film „Das Leben ist zu lang“. Seliger ist Jude, Skorpion und hat eine Tochter und einen Sohn. Wie Levy. Seliger (Markus Hering) steckt mitten in der Midlife-Krise, sein Bankier (Kurt Krömer) macht Pleite, seine Kinder Romy (Hannah Levy) und Alain (David Schlichter) finden ihn lächerlich, seine Frau (Meret Becker) ihn langweilig, sein neues Filmprojekt über die Mohammed-Karikaturen fällt durch. Nur bei der spielwütigen Natasha (Veronica Ferres), Gattin des Produzentenmoguls (Hans Hollmann) erweckt er Sympathie. Als „Nebbich“ (liebenswürdigem Versager) misslingt ihm sogar der Selbstmord. Aber dann...
Interview:
Wieso finden Sie, dass das Leben zu lang ist? Es ist doch eher zu kurz für Regisseure.
Das stimmt. Der Titel ist dialektisch. Wenn der Film „das Leben ist zu kurz“ hieße, hätte kein Mensch über den Titel gerätselt. Es geht natürlich darum, was bedeutet überhaupt Zeit, gefühlte Zeit. Das ist für uns alle ein sehr wichtiges Thema, wir wissen ja alle, dass wir zu hektisch leben. Aber manchmal wenn wir etwas bewusster und verlangsamter leben, ist die Zeit wirklich wertvoller. Es gibt ja die Frage nach der Qualität und die Frage nach der Quantität von Zeit. Der Tod von Schlingensief, der in seinen 49 Jahren nun wirklich toller, intensiver und ergiebiger gelebt hat als andere, die das in 100 Jahren nicht schaffen, macht mich traurig, wie alle, die ihn gekannt und gemocht haben. Aber das Leben ist nicht nur Quantität. Wie man das Leben wahrnimmt, was es für einen bedeutet und wie man es gestaltet, also die Bilanz darüber, ob wir erreicht haben, was wir uns für unser Leben erträumt haben und wozu wir überhaupt hier sind, zieht jeder irgendwann in unserem Alter.
Seit 30 Jahren bringen Sie sich selbst ein in Ihre Filme. Sie zeigen Ihre Befindlichkeit als Jude in Deutschland. Das ist sehr persönlich aber nie privat. Sie sagen: „Man ist als Regisseur – als jüdischer zumal – immer in der Krise.“ Wie meinen Sie das?
Ich wollte das, wofür wir leben, nämlich Film machen, Realität abbilden, Geschichten erzählen, Menschen verführen im weitesten Sinne, zum Thema eines Films machen. Was ist überhaupt ein Abbild der Realität, wenn man es künstlerisch bearbeitet und abbildet. Ist es dann noch Realität? Ist das Wahrhaftige, was wir Leben nennen, in Bildern immer noch wahrhaftig. Ich werde immer gefragt, ob ich auch, wie meine Hauptperson Alfi Seliger in so einer Lebens- oder Midlife-Krise stecke, und ob das der Auslöser dieses Films war. -- Ich stecke seit ich denken kann in einer Krise. Es gibt Leute, die wie Marathonläufer sind, die rennen ihren Lebensweg und plötzlich gibt es einen Einbruch und das ganze Leben stürzt zusammen. Sie sind verzweifelt, weil sie gar nicht gemerkt haben, wie und wofür sie gelebt haben. Ich habe schon in der Schulzeit, aber auf jeden Fall seit ich nach Berlin kam, was für mich ja ein total heftiger Einschnitt war -fast ein schockierendes Erlebnis für jemand, der aus der kleinen behüteten Schweiz kam- gefragt, was mein Leben ist, wie ich es gestalte, was ich denke und was ich tue. Ob ich überhaupt Künstler sein sollte. Ich bin mir immer selbst gegenüber mit sehr viel Selbstzweifeln und Misstrauen begegnet. Vielleicht ist deshalb die große Lebenskrise ausgeblieben.
Und was bedeutet „jüdischer Regisseur“?
Ich bin kein praktizierender Jude in dem Sinne, dass ich nach den jüdischen Gesetzen und Regeln gelebt hätte. Ich glaube nicht, dass es ein Privileg der Juden ist, Krisen zu haben. Das wäre ja eigentlich schön, wenn das so wäre. Schön für Euch. - Ne, ich glaube, dass in der jüdischen Kultur die Widersprüchlichkeit, die Zwei-Gesichtigkeit des Lebens, die Tatsache, dass neben Licht auch Schatten, neben Lachen auch Weinen ist, dass das Tragische und das Komische zusammen gehören und die Tragik sogar die Basis des Komischen sein kann. Das hat auch viel mit Psychoanalyse zu tun, dass wir vielleicht nicht nur kulturell geprägt, sondern auch über die Gene so einen Hang dazu haben, mit uns sehr kritisch ins Gericht zu gehen.
Aber gerade wenn Sie sich in komödiantischer Form mit jüdischer Identität auseinandersetzen wie 2004 in „Alles auf Zucker“ und 2007 in „Mein Führer“ dann haben nicht nur deutsche Philosemiten, sondern auch jüdische Leute mit dieser Sichtweise so ihre Schwierigkeiten. Enttäuscht Sie das?
Das ist nicht enttäuschend, man ist ja nicht Mitglied in einem Klub und liebt dann alle Klubmitglieder. Ich fühle mich als Jude und bin auch gerne Jude. Es bleibt mir auch gar nichts anderes übrig. Natürlich gibt es im Judentum wie in jeder anderen Kultur oder Sozialgemeinschaft Menschen, die eine ganz andere politische, gesellschaftliche, ästhetische und sicher auch religiöse Meinung haben. Es gibt natürlich sehr konservative und sehr rechte Juden, wie sich an der Diskussion über Israel zeigt. Aber allein schon, mit welcher großen Selbstironie wir Juden uns schon immer über uns selbst lustig gemacht haben, ist das nun bloß Futter für Antisemiten oder nicht? Auch was mir so begegnet ist nach „Alles auf Zucker“ und „Mein Führer“, erst die Elogen: „Der Regisseur, der den jüdischen Humor wieder aufleben lässt!“ Und die Kanten danach.
Der Produzentenmogul, der in „Das Leben ist zu lang“ Seligers Film produzieren soll, und dessen Credo lautet: „Es macht doch viel mehr Spaß, Leute aus der Versenkung rauszuholen, als sie zu versenken“ erinnert sehr an Atze Brauner. War das beabsichtigt?
Nein, aber Produzenten sind ja auch Prototypen unserer Gesellschaft. Natürlich gibt es den Produzenten, der seine Hoch-Zeit erlebt hat und nichts mehr auf die Reihe kriegt. Auch im Theater, in der Politik und in der Wirtschaft. Was ist Macht? Worum lebt Natascha mit diesem Produzenten zusammen. Das ist Macht und Geld und das Versprechen: "Ich mache dich in Deutschland zum Star." Also all das, wie Leben funktioniert, mit all seinen Versuchungen und Enttäuschungen. Auch in der Filmbranche sitzen Leute, die das Geld haben, natürlich auch am Drücker. Die können sagen, das machen wir, und das machen wir nicht. Ich lese dann voller Neid von Clint Eastwood, der Milliardär ist und die Filme dreht, die er will.
Ja, eben, solche Leute können auch mit 80 noch ihren Beruf ausüben. Ein Dachdecker kann das nicht. So viel noch Mal zum Titel „Das Leben ist zu lang.“
Die Fragen zum Leben stellen sich doch nicht nur privilegierte Leute, das tun doch alle. Auch reiche Leute sind nicht vor großen Verzweiflungen gefeit, so dass sie das Gefühl haben, sie sind zwar reich und erfolgreich, aber längst nicht glücklich. Ich glaube, diese Bilanz, die man im Leben zieht, egal ob man Dachdecker ist oder Schauspieler, sollte sein: Was macht mich wirklich glücklich? Natürlich ist das sehr überschattet von Wirtschaftlichkeit. Ich habe neulich mal wieder eine Statistik gelesen, wie viel in einzelnen Berufen verdient wird. Ich war so schockiert, mit wie wenig Geld, die Leute wirklich leben müssen. Wie kann man mit 1000 oder 1200 Euro Netto und einer Familie überhaupt seinen Alltag meistern bei Vollzeitbeschäftigung. Da ist „Was macht mich wirklich glücklich?“ ja schon fast ein Luxusgedanke. Und trotzdem sollte man sich mit wenig Geld auch überlegen, was einen erfüllt. Was einem eine Ruhe gibt, einen Frieden und ein Glück.
Seit Sie selbst Vater sind, machen Sie immer wieder die Familie zum Thema.
Die Familie ist sicher eine Keimzelle meines Lebens und auch meiner Komödien. Die Familie ist ein ganz politische Mikrokosmos, der dann in der Gesellschaft weiter gelebt wird. Auch das Verhältnis von Mann und Frau, von Liebe und Abhängigkeit, von Sexualität und Kinder-Erziehung ist natürlich ein kleiner Maßstab für die Kultur und das Land, in dem wir leben. Abgesehen davon, dass es aus jeder Familie unzählige Anekdoten gibt. Wer redet nicht gern über seine Familie? Neben der Arbeit gilt die allergrößte Liebe natürlich meiner Familie. Das ist wahrscheinlich das Schlauste, was ich je in meinem Leben gemacht habe, dass ich eine Familie gegründet habe. Das gibt mir auch die Bodenständigkeit, die ich mir immer gewünscht habe und die mir manchmal fehlt. Natürlich sind meine Kinder jetzt gesprächsdominant. Die Kämpfe, die man mit ihnen hat, sind sicherlich manchmal anstrengend, aber auch wirklich lustig. Klar erzähle ich in den Komödien auch aus einem Erfahrungsbereich, den ich kenne und den ich nicht extra erfinden muss.
Da gibt es ja das schöne Beispiel, wenn Ihr Alfi Seliger, den Streit, den er nachts mit seinem pubertären Sohn hat, am nächsten Tag bei den Dreharbeiten für eine Soap einarbeitet und dem daraufhin gekündigt wird.
Ich war selbst mal zwei Tage angestellt, eine Soap zu inszenieren. Ich bin dann aber auch gefeuert worden. Das war mein kurzer Ausflug ins Fernsehseriengeschäft. Und das habe ich jetzt „In das Leben ist zu lang“ eingebracht. Aber das wichtige Thema im Film ist Schein und Sein. Die Image-Politik von Alfi, der nicht realisiert wie er wirklich wahrgenommen wird? Das nehme ich ja ganz schön auf die Schippe. Auch das, was mir so begegnet ist nach „Alles auf Zucker“ und „Mein Führer“. Erst die Elogen: „Der Regisseur, der den jüdischen Humor wieder aufleben lässt!“ Und die Kanten danach.
Bleibt bei schlechten Kritiken ein Stachel?
Es ist auf jeden Fall immer traurig und das muss man erstmal verdauen. Aber natürlich lernt man damit umzugehen. Ich glaube, du kannst nicht boxen ohne immer mal wieder k.o. zu gehen. Die Frage ist, ob du wieder aufsteht und aus den Erfahrungen lernst.
