The Knife Goes in the Back
Das wohl am meisten malträtierte Körperteil in Hollywood ist zweifellos der Rücken: Starlets müssen so lange auf ihm liegen, um ihre Karriere anzukurbeln, dass leichte Anzeichen von Hornhautwachstum bei ihnen inzwischen so häufig anzutreffen sind, wie die kleinen Sonnen-Tattoos, mit denen sie ihre schlanken Fersen schmücken. Aber auch in der Vertikalen sollte man auf seine hintere Körperpartie ganz besonders aufpassen, da es sich bei dem sogenannten Backstabbing - des verlogenen Angriffs aus dem Hinterhalt - um Hollywoods meist praktizierte Kunstform handelt. Dies sollte eigentlich niemanden verwundern, schließlich braucht der erfolgreiche Backstabber vor allem Schauspielkunst und Rücksichtslosigkeit - zwei Talente, ohne die man an der Stadtgrenze von Los Angeles sowieso abgewiesen und zurück nach Kansas geschickt wird. Wer aber von der Natur mit beiden Gaben gesegnet wurde, kann es in Hollywood zu soviel Ruhm und Reichtum bringen, dass die vielen Menschen, über die man auf seinem Weg an die Spitze steigen muss, leicht in Vergessenheit geraten. Diejenigen, die jetzt interessiert auf den Monitor starren und den sich langsam bildenden Speichelfaden ignorieren, der in ca. 30 Sekunden auf die Tastatur tropfen wird, möchte ich nur ungern enttäuschen - hier also eine Kurzanleitung zum Backstabbing in zwei Teilen. Part One: Wiege Dein Opfer in Sicherheit! Dies ist leichter, als man denken mag - zumindest in Hollywood, wo ein unehrliches Kompliment sowieso viel lieber gehört wird, als irgendein ernst und wirklich gemeinter Kommentar. "Hi, how are you Darling?", "You look GREAT!" und "I love your hair!" sind ein paar universelle Phrasen, mit denen man Stars und Sternchen fast immer davon überzeugt, dass man sie unheimlich gern mag - es sei denn, man sagt letzteren Satz zu Samuel L, Hugh Grant oder John Wayne, da Jackson (meist) haarlos herumläuft und Hughs Frisur so offensichtlich schlecht ist, dass er auf das Kompliment nicht hereinfallen würde. John Wayne? Doppelter Fehler, schließlich jagt man einem Toten das Messer nicht in den Rücken, da er es nicht spüren kann - wo bliebe denn da der Spaß. Außerdem hatte der Duke noch nie etwas für Speichellecker übrig und hätte den Schleimer wahrscheinlich kräftig versohlt. Part Two: Kurz und Schmerzvoll! Nachdem man sein Opfer mit universellen Komplimenten, falschen Beteuerungen ("I really, really mean it!"), Cinemascope-Lächeln und ein paar weiteren verbalen und körperlichen Streicheleinheiten eingelullt hat, muss man nur noch darauf warten, dass es sich umdreht und ein paar Schritte in eine beliebige Richtung tut. Timing ist hier ganz besonders wichtig, da man versuchen sollte, mit dem Todesstoß zu warten, bis der potentielle Kandidat die Beleidigung nicht mehr verstehen kann, aber noch nah genug ist, um das schäbige Lachen der Umstehenden mitzubekommen. Natürlich wäre diese Lektion nicht vollständig, ohne eine ethische Diskussion über die Moralität des Backstabbing - hier also ein paar Argumente gegen diese Praxis, komplett mit schlagkräftigen Gegenargumenten. Backstabbing ist nicht sehr nett... Durchaus korrekt, aber wer will schon nett sein. "Nett" ist genaugenommen nur ein Euphemismus für "gut, aber nicht gut genug". Nette Jungs sind gute Freunde, gut dazu, beim Umzug zu helfen oder mal zu trösten, wenn Not am Mann ist - irgendwie scheinen sie aber nie die Frau abzubekommen, der sie ständig hinterherlaufen. Nette Mädchen sehen gut aus, sind umgänglich, haben aber ein Verfallsdatum von einer Nacht, einer Woche, einem Monat - oder wie lange es halt dauern mag, bis die nächste vollbusige Femme Fatale im Fadenkreuz des Mannes aufgetaucht ist. Nett bedeutet wahlweise "Nicht Einmal Tolle Titten" oder "Niedlicher Ehrlicher Treuer Trottel". Nicht gerade ein Stigma, mit dem man leben möchte - und durch rücksichtloses Backstabbing verliert man es schnell. Was du nicht willst, das dir man tu... Netter Gedanke, aber leider vollkommen nutzlos - besonders in Hollywood. Natürlich kannst du durchaus einmal anmerken, dass es nicht sehr nett ist, über andere zu lästern - und manchmal beugen die Umstehenden dann sogar reumütig den Kopf und bekennen sich schuldig. Irgendwie tötet das allerdings die ganze Stimmung, also gehst du dir erst einmal einen Drink holen und bist gerade außer Hörweite, als die Gruppe schon wieder anfängt, schallend zu lachen. Was sie gesagt haben, konntest du nicht verstehen - wahrscheinlich war es "Wer denkt er eigentlich, wer er ist? Mother-Fucking-Theresa?" - aber über wen sie lachen, weißt du genau. Dich! Und wenn das jemand mitbekommt? Zugegeben, dieses Argument hat zumindest nichts mit Moral, sondern mit praktischen Erwägungen zu tun, schließlich könnte man durch unvorsichtige Kommentare wirklich einmal in Schwierigkeiten geraten - aber nur, wenn man sich wirklich saublöd anstellt, schließlich reden wir hier von BACKstabbing und nicht von einem Frontalangriff. Ehrliche, aufrichtige persönliche Attacken gegen andere kann sich in Hollywood nur eine kleine Elite leisten, die so weit oben auf dem Olymp steht, dass viel Feind für sie wirklich viel Ehr bedeutet - wir normal Sterblichen begnügen uns mit hinterhältigen Witzen, Kommentaren und Gerüchten bzw. trainieren mit ihnen für den großen Moment, wenn wir ganz oben ankommen und hemmungslos runterspucken können. Backstabbing ist ein demokratischer Zeitvertreib für das gemeine Volk Hollywoods - und Demokraten sind halt diejenigen, die man bei der Thronfolge übergangen oder übersehen hat. Wer nach dieser kurzen Diskussion immer noch durchs Leben gehen möchte, ohne gelegentlich gezielten Rufmord zu begehen, böse Bemerkungen zum machen oder sich zu hemmungslosen Klatschtiraden hinreißen zu lassen, dem kann ich nur eines sagen: "Lass dich wieder ans Kreuz nageln, Jesus, und geh mir nicht auf den Wecker!" Ohne Backstabbing gäbe es keinen Klatsch, ohne gelegentlichen Klatsch keine Klatschkolumnen - und sowohl mein Konto als auch mein Leben wären um einiges ärmer. Wäre die Welt nur voller netter Menschen, hätte ich mich nie daran erheitern können, dass zwei mir bekannte deutsche Damen aufgrund ihrer hervorstechenden vier Talente in Hollywood-Kreisen als die Nipple-Twins bezeichnet werden. Auch währe ich nie in den Genuss gekommen mitzuerleben, wie eine Gruppe von Produktionsassistenten ihren Boss auf den wohl schrecklichsten Geschäftstrip seines Lebens buchte: Der Kerl musste mehrfach Umsteigen, lange Wartezeiten in Kauf nehmen - und saß komischerweise immer neben der Toilettentür des Flugzeugs. Von dem Raucherzimmer, das der militante Nichtraucher dann bezog, will ich lieber schweigen - da das mein kleiner Beitrag zum Geschehen war. Und wahrscheinlich würde ich auch die wöchentlichen Emails vermissen, in denen ich immer wieder darüber aufgeklärt werde, dass der Film einer mir nicht sehr sympathischen Person immer noch das schlechteste Einspielergebnis des Jahres hat. Was soll ich sagen: Ich bin halt Schadenfroh - und brauche diese Erheiterung, wie die Luft zum Atmen, das Nikotin zum Inhalieren und Viagra zum... lassen wir das lieber. Aktives Backstabbing ist ein unterhaltsamer, witziger und oft sehr befriedigender Zeitvertreib - passive Schadenfreude hingegen ist purer Luxus.
Eine Arbeitsprobe des vdfk-Mitglieds Karsten Kastelan.
Nachdruck nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.
