Interview zu Film ALMANYA mit den Schwestern Samdereli
ALMANYA - Wilkommen in Deutschland
„Bin ich Türke oder bin ich Deutscher?“ fragt der sechsjährige Cenk Yilmaz seine Eltern als er in Dortmund in die Schule kommt und weder die deutschen noch die türkischen Jungen ihn in ihre Fußballmannschaft aufnehmen wollen. Die Schwestern Yasemin und Nesrin Samdereli, beide verantwortlich für Drehbuch und Regie, haben ihren ersten Kinospielfilm, eine köstliche Komödie, mit autobiographischen Bezügen ausgestattet. Cenk gehört zur dritten Generation einer türkischstämmigen Großfamilie. Sein Großvater Hüseyin Yilmaz kam am 10. September 1964 nach Deutschland. Beinah wäre er der millionste "Gastarbeiter" geworden. Aber in der Schlange der neuangekommenen Fremden ließ er liebenswürdigerweise den hinter ihm drängelnden Mitbewerber vor. So entging ihm damals der Willkommensgruß, nämlich ein Strauß Nelken, ein Diplom und ein zweisitziges Moped Marke Zündapp. Dennoch arbeitete er sich fleißig nach oben und konnte bald seine Frau Fatma und seine drei Kinder aus der Türkei nachholen.
Interview:
Der Film kann ja als Gegenschuss zu den Thesen von Tilo Sarazin. gesehen werden. Erfüllt Sie das mit Stolz?
Jasemin: Ja, klar, aber als die Debatte hochkochte, hatten wir den Schnitt unseres Films schon abgeschlossen. Wir hatten über längere Zeit den Stoff schon im Kopf gehabt und entwickelt und versucht, ihn finanziert zu bekommen. Dass der Film genau jetzt da ist, ist echt Zufall oder Schicksal: Das passt eben gut, weil da gerade so eine Aufmerksamkeit auf dem Thema liegt.
Aber, wenn jemand trotzdem behauptet, sie beide schwämmen auf der Welle des Zeitgeistes mit, wie reagiren Sie dann?
Jasemin: 2002 gab es schon die erste Fassung unseres Films und man braucht nicht diese Debatte, um den Film zu verstehen. Reagieren oder zurückschlagen, das hätte ich gern schon viel früher gemacht. Nesrin: Schon bei Hark Bohms Film „Yasemin“ fühlte ich ein Unbehagen und wollte was dagegensetzen, aber damals war ich gerade 17 und mußte erstmal mein Abitur machen. Yasemins Eltern, die den deutschen Freund ihrer Tochter nicht akzeptieren. Immer wieder wurden türkische Familien nur so gezeigt. Also, schon 1989 habe ich mich gefragt: Warum beschäftigen wir uns nicht mit dem Thema "Türken in Deutschland" und zeigen wie das bei uns in der Familie aussieht? Aber auch heute werden wir immer noch gefragt: "Ist das überhaupt realistisch wie Sie das zeigen?" Dass man überhaupt darüber diskutieren muss, dass es so etwas gibt! Das ist ja schon absurd und gotesk, dass wirklich jeder meint, jeder türkische Vater ist gleich stereotyp. Es gibt nur diesen einen türkischen Bruder, des pöbelden Macho-Mannes, der es nicht ertragen kann, wenn seine Schwester sich selbstbewusst emanzipiert. Es ist immer das selbe Vorurteil. Aber die Türken sind keine homogene Masse, genauso wenig wie jedes andere Volk.
Wieviel persönliche Erfahrung und Familiengeschichte steckt denn tatsächlich im Film?
Jasemin: Natürlich unsere persönliche Sichtweise, aber auch viele Anekdoten, die uns so erzählt wurden. Einer von der jüngeren Generation, also unser Oknkel, hatte als Kind diese panische Angst vor dem Jesus am Kruzifix. Die kamen ja nun, ganz frisch in Deutschland an und als er in der Wohnung das Kreuz sah, schrie mein Onkel voller Panik: „Nimm das weg!“ Denn er hatte von Freunden in der Türkei gehört: „Die Deutschen essen Menschen und die trinken Blut.“ Nesrin: Ja ich hab das in der katholischen Grundschule auch oft genug mit erlebt, dieses Aufessen.
Waren Sie beide auf der selben Schule?
Jasemin: Nein, Nesrin ist ja jünger.
Nesrin: Ja, drei Jahre. Das war eine ganz pragmatische Entscheidung: Es gab eine städtische und eine katholische Grundschule. Die städtische war etwas weiter weg und man hätte unter einer Brücke lang laufen müssen, was meiner Mutter nicht rechtwar, weil es immer hieß: “Da werden Kinder entführt.“ Ich musste dass auch immer in den katholischen Unterricht. Aber ihr war das ganz rechts, weil ich da auch einen anderen Einfluß bekam. Unsere Mutter war da ganz sicher, dass wir trotzdem wissen, wo wir herkommen, dass die kulturelle Prägung auch stark genug ist. Aber die Kirchenlieder habe ich immer gern mitgesungen.
Und wie hat ihre Familie auf den Film reagiert?
Jasemin: Die haben ihn sehr gemocht und auch viel gelacht. Die Ballance hat ihnen gutgefallen und sie haben auch gesehen, dass das natürlich nicht sie sind als Personen, dass das eine fiktive Überhöhung von Dingen ist. Aber witzig war, das sie das selbe gesagt haben wie schon andere Türken. Dass sie sich auch gewundert haben, dass die Deutschen so große Ratten an der Leine führen oder die Toiletten hier fand ich auch ganz seltsam, dass man sich hier auf einen Stuhl setzen sollte. Also das war wirklich so eine gewisse Wahrnehmung von Deutschland damals.
Sie halten den Deutschen damit ja auch den Spiegel vor.
Nesrin: Ja aber Vorurteile sind ja sind jetzt mehr als 40 Jahre alt. Da hat sich ja schon ganz viel globalisiert. Aber den Deutschen Mal eine andere Perspektive eine andere Betrachtungsweise zu zeigen. Das ist doch immer ganz heilsam und schön, wenn man auch mal über sich selbst lachen kann. Bestes Beispiel dafür ist die Szene mit Axel Milberg, wenn er die deutschen Pässe ausgibt. Das wird wirklich die Bevormundung durch den Beamten überhöht mit idiotischer Komik. So läuft das heute zum Glück nicht mehr. Das ganze Prozedere stellt sich ja auch als Alptraum des Großvaters heraus. Aber die Reaktion seiner Frau ist doch großartig, wenn sie offensichtlich alles als lächerlich ansieht aber hinterlistig ganz brav antwortet: „Ja! Natürlich! Muss ja alles seine Ordnung haben!“
Jasemin: So war unsere Oma wirklich. Sie war eine sehr resolute Frau, die auch den Ton angegeben hat. Wenn sie türkisch sprach, war sie witzig und eloquent, was natürlich keinem unserer Freunde, die zu Besuch kamen, auffiel. Von außen betrachtet sahen sie natürlich immer das Bild der kopftuchtragenden, stänidig Tee nachgiessenden und Kekse nachschiebenden Frau, die ganz gebrochen Deutsch spricht. Genau, das ist es ja: Nur weil jemand die Sprache nicht beherrscht, wird er für blöd gehalten. Yasemin: Ja seltsam, dass man automatisch diese Assoziation hat und meint, dass das sein geistiger Zustand ist, dass man nicht darauf kommt, dass zum Beispiel der Taxifahrer Physik-Professor sein kann.
Wann ist Ihnen der Trick eingefallen, eine Kunstsprache zu benutzen?
Nesrin: Wie wollten einfach diese Abstraktion haben, also dieses Gefühl, die Familie kommt an und versteht kein Wort. Und ähnlich geht das ja dann den Kindern der nächsten Generation, wenn sie Türkisch sprechen sollen. Da es nun mal sehr witzig ist und sich anbot, weil es allen Seiten Spaß macht, war das ein Element, das wir von Anfang an drin hatten. Da hat uns auch Charlie Chaplins „Der große Diktator“ inspiriert.
