Interview mit Bruno Ganz
Man sieht Sie seit einiger Zeit viel im Kino. Im Theater dagegen haben Sie sich rar gemacht. Hat das etwas mit dem neumodischen Regiestil der „Klassikzertrümmerer“ zu tun? - Sie sagen es. Ich bin aus diesem Grund total zerworfen mit dem Theater. Zum Glück brauche ich es auch nicht, weil ich mich ja im Kino ausleben kann. Was macht das Kino so attraktiv für Sie als Schauspieler? - Im Kino gilt noch das Prinzip Identifikation. Am Theater ist das Gift, da scheuen Regisseure Identifikation wie der Teufel das Weihwasser, also habe ich da nichts zu suchen. Ich neige dazu so weit es geht, mich mit meinen Figuren zu identifizieren und sage auch Sätze mit großer Überzeugung, an die ich nie im Leben glaube. Das ist bei Hitler im "Untergang" natürlich sehr schwierig gewesen, und ich gebe zu, auch bei Terzani gibt es Dinge, die ich nicht ganz nachvollziehen kann. Zum Beispiel? - Die italienischen Dörfler sind sehr einfache ehrliche, sympathische, gastfreundliche Menschen. Die haben mir erzählt, dass Tiziano Terzani indische Sitten in das Dorf einführen wollte. Das hätte ich nie gemacht. Seine Erzählung vom Marienkäfer dagegen rührt mein Herz zutiefst mit seiner inniglichen Hinwendung zur Natur. Er ist eins mit allem, und das ist fürs Sterben eine tolle Voraussetzung. Haben Sie Angst vor dem eigenen Tod? - Ich bin 70, natürlich denkt man daran. Aber wer weiß, vielleicht verflüchtigt sich die Angst, wenn es soweit ist. Welche Rolle spielte Terzanis Sohn Folco bei den Dreharbeiten? - Anfänglich war ich über seine Anwesenheit zwar erschrocken, dann aber wandelte sich das Verhältnis, weil ich ihn bestimme Dinge fragen konnte, die ich weder dem Drehbuch noch dem Roman entnehmen konnte: Wie gestalteten sich die letzten Minuten wirklich, wer war dabei? Folco spielte mir ein Tonband vor, das die letzten zehn Minuten im Leben dieses Mannes hörbar machte. Wie haben Sie sich darüber hinaus auf die Rolle des Tiziano Terzani vorbereitet? - Zunächst ging es um ganz banale Dinge: den Text lernen und einen Bart wachsen lassen. Das Textlernen hat sehr viel Zeit in Anspruch genommen. Die Phase zog sich über zwei, drei Monate, in denen ich mich sechs, sieben Stunden täglich allein damit beschäftigte! Ich habe auch nicht geahnt, dass man das schafft. Demnach war das auch eine sehr anstrengende Phase? - Manch einer assoziiert dabei vielleicht schulmäßiges Gedichte-Auswendig-Lernen und stellt sich das sehr quälerisch vor. Disziplin hat es auch mir abverlangt, obwohl ich eigentlich mein Leben lang nichts Anderes gemacht habe, aber natürlich beschäftige ich mich, während ich den Text lerne, mit der Person. Ich muss dann auch eine grundsätzliche Entscheidung fällen: Trotz des Bartes und der weißen Jacke wusste ich, das wird kein vergleichbares Porträt wie das von Hitler werden, sondern eher eine Mischung aus Terzani und mir. Einige Schauspieler Ihres Alters können sich ihren Text nicht mehr merken und arbeiten mit Knopf im Ohr. Wann ist Ihrer Meinung nach der Zeitpunkt gekommen, dass ein Schauspieler sich von seinem Beruf verabschieden sollte? - Das muss jeder für sich beantworten. Wenn ich mit dem Knopf im Ohr umgehen kann, ist es eine andere Situation als wenn es mich quält. Jeder muss die Grenze sehen, wie lange er so arbeiten kann ohne sich doof vorzukommen. Ich finde es bedenklich, wenn man sich nur noch als ein Krüppel durch einen zehnstündigen Drehtag schleppt, bloß damit man noch am Milieu schnuppert und wünsche mir, dass ich früh genug aufhöre.
Eine Arbeitsprobe des vdfk-Mitglieds Kirsten Liese.
Nachdruck nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.
