La Nana- Die Perle
Raquel (Catalina Saavedra) ist ausgebrannt. Seit 23 Jahren schon steht sie im Dienst der wohlhabenden chilenischen Familie Valdez. Sie putzt, kocht, wäscht, versorgt die vier Kinder, wohnt gar mit den Arbeitgebern unter einem Dach. Doch die Reserven der Mittvierzigerin sind erschöpft, zunehmend leidet sie unter Schwächeanfällen, und das verwundert kaum. Schließlich hat sie sich ganz und gar von ihrer Arbeit vereinnahmen lassen, ihr eigenes Leben gänzlich aufgegeben.
Mit eiserner Disziplin verrichtet Raquel die täglichen Anstrengungen ohne Murren, auch die Sticheleien der Kinder prallen an ihr ab. Allein mit Tabletten versucht sie Kopfschmerzen und Depressionen in den Griff zu bekommen, doch bleiben ihre gelegentlichen Zusammenbrüche ihrer Arbeitgeberin Pilar (Claudia Celédon) nicht verborgen. Als Entlastung stellt sie ihr eine zweite Kraft zur Seite. Doch Raquel fürchtet die neuen Aushilfen als Konkurrenz und vergrault sie.
Doch bei der dritten Aushilfe wird dann doch noch alles gut: Die humorvolle Lucy (Mariana Loyola) verblüfft die biestige, verbissene Pathologin mit ihrer erfrischenden Art. Erstmals entdeckt Raquel so etwas wie Lebensfreude und Freundschaft.
"La nana- Die Perle" ist gleichzeitig psychosoziale Charakterstudie, Gesellschaftsporträt, Sozialdrama und Komödie. Der chilenische Regisseur Sebastian Silva hat in Catalina Saveedra eine großartige Hauptdarstellerin gefunden, die verdientermaßen auf zahlreichen Festivals mit internationalen Preisen überhäuft wurde. Die unausgesprochenen Gefühle dieser Frau, unendlicher Frust, Angst, Einsamkeit und Erschöpfung: Alles steht in ihrem versteinerten Gesicht geschrieben.
Aber auch der chilenischen Klassengesellschaft gilt Silvas Augenmerk: Da ist auf der einen Seite die dekadente, privilegierte Oberschicht-Familie, die sich in ihrem Luxusleben nicht stören lassen will und weitgehend die Konflikte zwischen den Bediensteten ignoriert. Und da ist auf der anderen Seite die aus armen Verhältnissen stammende Raquel, die über ihr gefangenews Dasein zur Autistin geworden ist.
Mitunter wirkt das Verhalten der Figuren auch rätselhaft: Warum duldet es Hausherrin Pilar, dasss ihire neue Haushälterin die Bediensteten schikaniert? Und wie wahrscheinlich ist es, dass sich ein derart verschlossener, verbitterter Mensch wie diese Raquel derart schnell von Grund auf verändert? Schnell ertappt man sich dabei, dem Drehbuch dramaturgische Schwächen zu unterstellen. Doch ist die Geschichte autobiografisch gefärbt. Das unterstreicht der Regisseur, indem er den Figuren mit der Handkamera über die Schulter schaut, als habe er den Alltag einer realen Familie unbemerkt dokumentiert. Mit klassischer Schulpsychologie kommt man bei diesem Film nicht weit. Man muss sich einlassen auf eine andere Mentalität, auf Charaktere, die uns ein Stück weit fremd sind. Darin aber liegt der Reiz dieses Films. "La nana- die Perle" ist eine kleine, spröde, ungewöhnliche, brillante Studie, die Neugier darauf schürt, mehr über das Leben der Menschen im heutigen Chile zu erfahren.
