Jumper - "White Men Can't Jump?"
Gemein! Alle sind irgendwie cooler als der Hauptdarsteller. Hayden
Christensen ist der Einbauschrank unter den Jungdarstellern. Der Van
Damme unter den Nachwuchsmimen. Der Steven Segal unter den
Hollywood-20-Somethings. Jamie Bell, der Sidekick ist frecher, witziger
und origineller. Samuel als jagender Gotteskrieger hat die heißere
Frisur und Rachel Bilson den einfacheren Part als verwirrtes und
sensibel-introvertiertes Rebhuhn.
"Jumper" schneidet bekannte Grundthemen an. Der unverstandene Teenager,
der sprichwörtlich "anders" ist provoziert Konflikte mit dem Elternhaus
am Fließband! Da kann, nein, da darf der Bully in der Schule nicht
fehlen, der dem Uberangst-Heranwachsenden das Leben zu Hölle macht.
Vatti trinkt Bier und poltert herum! Und dann gibt es da noch das
schwierige Beziehungsgeflecht zwischen den Springern und den Jägern.
Paladine, in der Antike übrigens Palastangehörige mit hohen Würden, im
Mittelalter königswahlberechtigte Pflalzgrafen machen sich im
Jumper-Universum auf, die abnormalen und durch ihre Sprungfähig
gotteslästerlichen Jumper auszumerzen. Samuel L. Jackson spielt Roland;
zweifellos ein Name mit Geschichte.
Das
so genannte Rolandslied stellt ein altfranzösisches Versepos dar,
welches im 11.Jahrhundert entstanden sein dürfte. In diesem kämpft
Roland bis zum letzten Atemzug im Dienste Karl des Großen gegen eine
feindliche Übermacht – zu guter Letzt stirbt er den, was sonst,
Heldentod. Das Rolandlied wurde bereits für viele Deutungen und
Interessen eingespannt. Heidenkrieg und Nationalismus sind nur zwei der
vielen Beispiele. In "Jumper" sind es also gottesfürchtige
Highend-Kämpfer, die sich über das weltliche Gesetz stellen, um das aus
der Welt zu schaffen, was sie für blasphemisch, frevelhaft und ruchlos
halten.
Wie bei vielen anderen Titeln auch, gibt es bei "Jumper" eine
Romanvorlage. Die verdanken wir Autor Stephen Gould, der die genetisch
veränderten Jumper 1992 so ins Leben rief. Ob diese sich mehr Zeit für
die Figuren lässt, bleibt ungewiss; durchaus nachvollziehbar ist es
aber, die Idee für die Leinwand zu adaptieren. Springen ist eine
zutiefst visualisierbare Idee und Tätigkeit; die Dynamik, die ein
Sprung entfaltet und ihre Nachvollziehbarkeit im Auge des Betrachters
eignen sich für das Medium Film in besonderer Weise. Daher wirken die
"Jumps" der beiden Darsteller auch richtig attraktiv, es macht Spaß,
ihnen bei der Teleportation, der Überwindung von Distanzen und
Räumlichkeiten zuzusehen. Es ist eine Dekadenz der Bildlichkeit, es ist
eine Verschwendung und Enträumlichung zugleich. Die benutzte
Digitalisierung und Virtualisierung des Global Village wird auf die
Spitze getrieben, indem sich Entfernungen solange krümmen, bis eine
Topographie der totalen Konvergenz entsteht. Lineare Prozesshaftigkeit
wird hier durch nur auf den ersten Blick systemkorrupierende Kräfte
manipuliert und in unrhythmische Kleinstintervalle zerbrochen.
Doch durch die Gleichschaltung von Abreise und Ankunft, der perfiden
Perfektionierung des Schnittmittels Jump Cut, werden Zwischenräume
ausgespart, erledigt und entgrauzonifiziert. Die Figuren sind Einsen
und Nullen, sind wie An- und Ausschalter auf Droge Zeitraffer, die eben
nicht mehr den reizvollen Satz "Wenn einer eine Reise tut…"
vervollständigen können. Bei 3 geht's los, heißt bei ihnen auch, bei 3
sind wir da. Handlungen, die sich also in Überbrückungs- oder sogar
Ruhphasen entwickeln könnten, gibt es in "Jumper" nicht. Für die
Figuren hat das fatal Folgen. Sie teilen sich nicht mit. Sie sind stets
"auf dem Sprung" in den nächsten Zustand, sind stets sprunghafte
Gesellen des Nichtphasischen. Die Erzähltechnik, die mit dieser
Vorantreibung der Dinge auf technischer Ebene mithält, zeigt "Jumper"
zu keiner Nanosekunde. Wer überall gleichzeitig ist, ist zugleich auch
nirgendwo zugleich.
Was letztlich die US-Presse sagt, kann uns da auch schon herzlich egal
sein, aber man kann ja mal von Zitat zu Zitat springen, um sicher zu
gehen. Im Wallstreet Journal lesen wir: "Dramatic development? None.
Entertaining dialogue? Ditto. Internal logic? Puhleez. Intriguing
characters? No characters, thus no intrigue. Interesting performances?
Essentially none." Die Time führt an: "Jumper is so lame --
undernourished in its characterizations, stillborn in its action scenes
-- that it inevitably leads the idled mind to wondering how this movie
got past the pitch stage." Und die New York Times bilanziert: "A barely
coherent genre mishmash." Achso, und 2011 kommt Teil 2. Like, uhm, WOW!
Eine Arbeitsprobe des vdfk-Mitglieds Rudolf Inderst.
Nachdruck nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.
