AUF DER ANDEREN SEITE - von Fatih Akin
Angelika Kettelhack für ND-Feuilleton
In dem Film „Auf der anderen Seite“ erzählt der in Hamburg lebende deutsch-türkische Regisseur Fatih Akin die Geschichte von sechs Menschen, deren Leben auf schicksalhafte Weise miteinander verbunden ist. Nach seinem Überraschungserfolg „Gegen die Wand“ von 2003 versteht er seinen neuen Film als zweiten Teil einer Trilogie, die er unter dem Titel „Liebe, Tod und Teufel“ vollenden will. Das Szenario zu diesem Film, der das Thema des Todes behandelt, hat er selbst geschrieben nd dafür bei den 60. Filmfestspielen von Cannes die „Goldene Palme für das beste Drehbuch“ bekommen.
Zwei Särge werden per Luft-Fracht jeweils „auf die andere Seite“ verschickt: Der eine von Deutschland aus in Richtung Türkei, der andere von der Türkei in Richtung Deutschland. Die beiden Toten sind Opfer von Gewaltverbrechen, die aber beide nicht absichtlich begangen wurden.
Die eine Tote ist Yeter Öztürk (Nursel Köse), eine in Deutschland lebende Türkin, die als Nutte arbeitete, um ihrer Tochter Ayten in der Türkei das Studium zu finanzieren. Von ihrem Beschützer, dem pensionierten Witwer Ali Aksu (Tuncel Kurtiz), der sie aus Liebe aus ihrem Beruf freigekauft hatte, wurde sie in einem Streit so unglücklich zu Boden geschleudert, dass sie starb.
Die andere Tote ist die deutsche Studentin Lotte, die in die Türkei gefahren war, um ihre Freundin Ayten aus dem Gefängnis zu befreien. Das Mädchen Ayten (Nurgül Yesilcay), so will es der feine Faden der Story, ist die Tochter der Hure. Was gewollt wirken könnte, gestaltet Akin so gekonnt, dass sich seine Parallelwelten, die sich immer wieder berühren und doch einander fremd bleiben, den Blick des Zuschauers von Anfang an in ihren Bann ziehen.
Ayten, war ohne Wissen ihrer Mutter als politisch verfehmte Studentin aus der Türkei nach Deutschland geflohen, hier aber als Asylantin abgeschoben und, zurück in der Türkei, dort als lang gesuchte Oppositionelle sofort inhaftiert worden. Lotte wurde während ihrer Reise nach Istanbul versehentlich von spielenden Kindern erschossen, die ihr den Rucksack mit einer geladenen Waffe gestohlen hatten.
Fatih Akin, der sich bisher immer als türkischstämmiger Deutscher bezeichnet hatte, würde sich zur Zeit lieber als deutschen Türken definieren. Trotz seiner schnellen Karriere ist er bescheiden und unverfälscht geblieben. Er sieht sich immer noch als Lernender: „Diese Trilogie ist für mich eine Art Ausbildung. So etwas wie Hausaufgaben für das Leben.“ Auch wenn er in Hamburg aufgewachsen sei, sagt er, so war “die türkische Kultur“ doch immer „Teil meines Lebens. Schon als Kind bin ich mit meiner Familie jeden Sommer in die Türkei gefahren (damals noch auf dem sogenannten Autoput). Da ich mich selbst zwischen den Kulturen bewege, ist es nur natürlich, dass dieses „Dazwischen“ in meinen Filmen auch vorkommt.
Deutschland und die Türkei werden bei Akin durch vier Frauenfiguren, jeweils eine Mutter und deren Tochter verkörpert: Susanne und Lotte Staub und Yeter und Ayten Öztürk. Die deutsche Mutter wird sehr echt und uneitel von Hanna Schygulla gezeichnet. Sie gibt eine Sechzigerin, die früher eine Achtundsechzigerin war und die heute ihr penibel restauriertes Fachwerkhaus so sorgsam hütet wie ihre Tochter. Eine undankbare Rolle, die die Schygulla klaglos meistert, obwohl sie doch durch Fassbinder-Filme wie „Effie Briest“, „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“, „Die Ehe der Maria Braun“ und „Lili Marleen“ berühmt wurde und seit einigen Jahren nun schon als wiederentdeckte Legende gilt. Die türkische Mutter spielt Nursel Köse, die schon vor 20 Jahren in Hark Bohms Film „Yasemin“ durch ihren Charme überzeugte.
Mit dem Schicksal dieser vier Frauen verwoben, ist das des Witwers Ali Aksu, gespielt von Tuncel Kurtiz, der seit über 40 Jahren zu den beliebtesten Schauspielern des türkischen Kinos gehört. Über seinen Sohn Nejat, gespielt von Baki Davrak, der dem deutschen Fernseh-Publikum aus diversen Krimi-Serien bekannt sein dürfte, schließt sich der Personenkreis. Der belesene Sohn ist in Akins Film ein Muster der Integration: Der Germanistik-Professor, der an der Hamburger Universität arbeitet, redet und handelt akzentfrei, kein türkischer Männlichkeitswahn hindert ihn zu Spülen. Sein Vater, der nach dem frühen Tod der Mutter allein für ihn gesorgt hat, weiß warum: Er hat ihn "erzogen wie ein Mädchen." Nejats Feinfühligkeit macht es ihm möglich, die neue Frau des Vaters zu akzeptieren. Nach ihrem gewaltsamen Tod macht er sich in der Türkei auf die Suche nach deren Tochter. Er beschließt für eine Zeitlang in Istanbul zu bleiben und übernimmt den Laden eines Berliner Buchhändlers, der zurück nach Deutschland gehen möchte. Dieser Buchladen wird im Film zum möglichen Begegnungspunkt für alle sechs Protagonisten, und dennoch werden sie sich dort immer wieder verpassen.
Fatih Aklin ist es gelungen über die verschiedenen Erzählstränge ein Mosaik der deutsch-türkischen Befindlichkeiten herzustellen und zeitgleich auch noch die unterschiedlichen Ansichten und Auffassungen von zwei Generationen nachzuzeichnen: Lotte ist eine verzogene und selbstbewußte junge Dame, die das einstige feministische Engagement ihrer inzwischen mit dem Alter recht konservativ gewordenen Mutter nur belächelt, Ayten kann sich heute als Studentin nur auf dem Rücken ihrer in Deutschland schufftenden Mutter in den politischen Kampf in der Türkei einlassen und Nejad, der belesene und gebildete Sohn schämt sich seines einfachen und etwas einfältigen Vaters.
Fern der schönen türkischen Strände und der pittoresken alten türkischen Stätten eröffnet Akin auch in Istanbul, so wie zu Beginn des Films in Bremen, die Szenerie mit einer politischen Demonstration. Drohend stehen dunkle Polizisten gegen den Horizont der Demonstranten. Anders als in Deutschland, wo der Marsch der Transparente eher einem Ausflug gleicht, ist in der Türkei Gewalt und Gegengewalt gegenwärtiger, allerdings ohne jede anmaßende Kritik des von außen kommenden Regisseurs. Im Interview äußert er sich jedoch folgendermaßen: „Mit jedem Film-Meter, den ich in der Türkei drehe, versuche ich, das Land besser zu verstehen. Aber je besser ich es verstehe, desto größer wird auch meine Trauer. Ich empfinde Befremdung gegenüber der Politik; ich hasse den ultra-konservativen Nationalismus. Alle Welt schaut gebannt zu, was sich dort gerade wieder abspielt: Geschichte als eine Schleife fortwährender Wiederholungen. Die gleichen Fehler wieder und wieder. Ich liebe es, in diesem Land zu sein und dort zu drehen, aber die Türkei saugt auch gierig die Energie aus einem heraus, sie kostet Schweiß und Tränen.“
Trotz oder gerade wegen dieser Hass-Liebe gelingt es Fatih Akin dieses komplizierte Gespinnst aus Realität und Film zu bewältigen - auch wenn die Verhältnisse der Protagonisten, obwohl es nur um sechs Personen geht, die sich immer wieder tangieren und doch nie wirklich berühren, viel Mit- und Nach-Denken des Zuschauers erfordern. Zudem verlangt der Film ein Wissen über die schroffe Auseinandersetzung der Kurden und der Türken. Und er verlangt noch mehr: Die Bereitschaft zu differenzieren. Wenn dies gelingt, dann hat das auch mit der scheinbaren Leichtigkeit zu tun, mit der Nurgül Yesilcay (Ayten) von der Rolle der verbissenen Kämpferin zur Liebenden und Leidenden wechselt, mit der Mutter (Hanna Schygulla), die sich türkischen Problemen öffen wird und mit dem alten Vater (Tuncel Kurtiz), der nun endlich die Bücher des Sohnes lesen wird.
Es ist sowohl die kluge Regie, die sich einfühlende Kamera von Rainer Klausmann, als auch eine ebenso beherrschte Schauspielerei, die keinen der vielen Zufälle als plump erscheinen lässt. Eher nimmt man allen Zufällen eine gewisse Notwendigkeit ab, eine Zwangsläufigkeit wie sie großen Dramen zu eigen ist. Wie Akin all diese Zwischentöne konzertiert, das verlangt Respekt. Offensichtlich kann der Besitz zweier Kulturen die Sinne schärfen. Dieses Schärfen leistet auch der Film, wenn man sich auf ihn einlässt.
Eine Arbeitsprobe des vdfk-Mitglieds Angelika Kettelhack.
Nachdruck nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.
