"28 Days Later": Reconstruction failed! In allen Bereichen äußerst gelungene Rückkehr des britischen Wutausbruchs.
Tja, es scheint so, als lassen sich Privates und Öffentlichkeit nicht
trennen. Zuerst zerfällt die Familie (in einer Eingangssequenz, die
durch die Schnelligkeit des Schnitts, ihrer Sounduntermalung sowie
ihrer rohen Brutalität den Zuschauern den Atem stocken lässt), und
anschließend zerfällt der Staat. „28 Weeks Later“ hat viele
verschiedene Dimensionen und lässt daher unterschiedliche Lesarten zu.
Die offensichtlichste ist vielleicht, dass Regisseur Juan Carlos
Fresnadillo ein packender und unerbitterlicher Zombiefilm gelungen ist,
der die blutgierigen Horrorfilmseher befriedigen dürfte. Den Gipfel des
blutigen Splattertreibens erklimmt das Produktionsteam in seiner weiter
gedachten Hommage an „Dawn of the Dead“ von 1978: Wenn Rotorblätter
brav ihren Dienst verrichten…
Doch natürlich ist dies nur eine Ebene, auf der sich der komplett in
Großbritannien gedrehte und 100 Minuten lange Film bewegt.
Offensichtlich lag es den Drehbuchschreibern Rowan Joffe und Jesus Olmo
am Herzen, auch etwas über Besatzungspolitik im Allgemeinen und das
amerikanische Scheitern dieser im Nahen Osten zu vermitteln. Fehlende
Kommunikation und falsche Einschätzungen sowie voreilige Entscheidungen
bringen den US-Militärapparat, wie er sich in „28 Weeks Later“
präsentiert, schnell ins Wanken – nur noch mit bizarren Todesschlägen
glaubt man, der Seuche Herr werden zu können. Doch schon im
vermeintlich ruhigeren Teil des Films stimmt etwas nicht. London als
Stadt ist im Belagerungszustand. Das zivile Leben muss hinnehmen, dass
es rund um die Uhr unter scharfer und vor allem bewaffneter Beobachtung
steht. Helikopter kreisen über der Stadt, Scharfschützen beziehen ihre
Stellungen auf den Dächern, MG-Nester sind der Normalfall im Stadtbild
und Registrierungsprozesse aller Art laufen an. Die Überwachung und
Durchleuchtung der Heimkehrer ins eigene Land ist perfekt. Zu Recht
weist Stefan Höltgen für Telepolis darauf hin, dass der Film auch
Parallelen zum Umgang der „Ersten Welt“ mit der „Dritten Welt“
aufzeigt, wenn es um die Aids-Problematik und Abschottungstendenzen
geht. Die derzeitige Rassismus-Diskussion um den kommenden
Videospiel-Megaseller „Resident Evil 5“ passt sehr gut in diesen
Diskurs. Die Befürchtungen lauten, dass auch dort ein Kaukasier auf
verwilderte und infizierte Afrikaner mit Pistole, Schrottflint und
Maschinengewehr losgehen wird. Glänzend schauspielerisch aufgelegt zeigt sich hingegen das
Darstellerensemble des Films. Es macht Freude, deren intensives und
tiefes Spiel mitzuerleben. Besonders Robert Carlyle, den die Geister
der Vergangenheit wieder einholen, macht für den Zuschauer die
komplette Skala zwischen Todesangst, Scham, Freude und Wut plastisch
begreifbar. Amüsant: Die erst 17-jährige Imogen Poots, die die Tochter
des zwischen allen Gefühlslagen zerrissenen Vaters spielt, treibt
inzwischen übrigens die fast volljährigen (männlichen)
IMDB-Filmforen-Belagerer zu dramatischen Liebeserklärungen.
Auf der technischen Seite fällt zunächst auf, dass man diesmal zwar
nicht ganz auf DV verzichtete, aber den Großteil in 35mm (und 16mm)
abgedrehte. Die Actionsequenzen sind hart und schnell geschnitten – sie
verlieren sich nicht in übermäßigem Gorewust, sondern drücken vielmehr
Entsetzen und Panik durch den Einsatz von Close Ups auf Augen oder
Münder aus. Dabei spielt der Film geschickt mit Lichteinbrüchen, wie
etwa Taschenlampen oder fehlende Bretter an einem Verschlag. Die
spärlich eingesetzten digitalen Effekte fügen sich zudem angenehm
stimmig in den Film ein. Keine Besprechung kann sich aber komplett
nennen, wenn sie nicht zumindest einen Satz über die Score des Films
verliert. Der Zuschauer bekommt großartige Musik zu hören, vor allem
das Hauptthema ist ein düsterer, melancholischer und sehr einprägsamer
Ritt voller Abgründe. Sollte man sich auch nur ein klein wenig für
Filmmusik begeistern können, sollte dieser nicht im Haushalt fehlen.
Die amerikanische Presse zeigte sich sehr angetan von „28 Weeks Later“.
Die New York Times erklärt: „28 Weeks Later is not for the faint of
heart or the weak of stomach. It is brutal and almost exhaustingly
terrifying, as any respectable zombie movie should be. It is also
bracingly smart, both in its ideas and in its techniques.” Begeistert
auch die Washington Post: “As viscerally compelling as smash-mouth
filmmaking gets.” Und Empire ergänzt: “Bigger action, more amazing
deserted (and devastated) London sequences and biting contemporary
relevance.” Glaubt man zudem den geheimen Kanälen der
Internetspürhunde, ist ein dritter Teil bereits beschlossene Sache.
Angeblich soll dieser in Russland spielen, nachdem ganz Europa bereits
zombifiziert wurde.
Eine Arbeitsprobe des vdfk-Mitglieds Rudolf Inderst.
Nachdruck nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.
