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DAS LEBEN GEHT WEITER - Thea von Harbou und der letzte Film des Dritten Reichs

Unter dem Titel ‚Unbeugsam. Einig. Bereit’ und mit der Unterzeile ‚Das Leben geht weiter’ erschien am 16. April 1944 in der Wochenzeitung ‚Das Reich’ ein Leitartikel von Reichspropagandaminister Joseph Goebbels. Artikel und Unterzeile wurden - auf Anweisung von Goebbels selbst - Vorgabe für ein Filmprojekt, das in die Annalen der deutschen Filmgeschichte als letzter Propagandafilm des ‚Dritten Reichs’ eingegangen ist.  Zum ersten Mal sollte in diesem Durchhalteepos der tägliche Horror in den zerbombten deutschen Städten gezeigt werden - aber auch wie sich das deutsche Volk ‚ungebrochen’ wieder aus den Ruinen erhebt. Die Dreharbeiten von DAS LEBEN GEHT WEITER (Ufa-Produktionsnummer 205) begannen im November 1944 und sollten bis in den März 1945 hinein dauern. Der Streifen wurde aber nie fertig gestellt und das bereits gedrehte Film-Material gilt heute als verschollen Bis heute ist unklar, von wem das erste umfangreiche Treatment, das immerhin 25 Kapitel umfasste, stammt. Den ersten Auftrag zur Ausarbeitung eines ‚kurbelfertigen Drehbuches’ bekam einer der prominentesten Autoren des ‚Tausendjährigen Reiches’, Gerhard Menzel. Für seine Arbeit an dem Drehbuch, das er am 25.09.1944 ablieferte, bekam er die stolze Summe von 50.000 RM. Sein Skript wurde jedoch vom Propagandaministerium abgelehnt; eine weitere Drehbuchfassung schrieb der für den Film vorgesehene Regisseur Wolfgang Liebeneiner. Wann Thea von Harbou, die emsige ‚Drehbuch-Strickerin’ des nationalsozialistischen Films, in das ‚Skript-Geschehen’ eingriff - und zwar vermutlich auf Anweisung des Propagandaministeriums -, lässt sich heute nicht mehr genau datieren; dies geschah aber möglicherweise erst im November 1944, also noch vor und dann auch während der ersten Dreharbeiten.  Ihre Rolle dürfte eine so ähnliche wie bei dem zweiten großen filmischen Durchhalteepos des Dritten Reichs, dem Film KOLBERG (Regie: Veit Harlan), gewesen sein - Hilfestellung beim Aufbau einzelner Szenen zu leisten und dramaturgische ‚Unebenheiten’ zu glätten. Ihre Arbeit an dem Drehbuch von DAS LEBEN GEHT WEITER wurde mit 30.000 RM bezahlt. Neben ihrer handwerklichen Routine und ihrem kreativen Geschick beim Überarbeiten von Drehbüchern brachte Thea von Harbou für DAS LEBEN GEHT WEITER auch noch eine weitere wichtige Voraussetzung mit: Lebenserfahrung im mittlerweile sehr stark zerbombten Berlin. Immerhin war sie selbst bereits ausgebombt, und ihr war eine Verdienstmedaille für die Rettung Verschütteter (am 16.12.1943 sowie am 30.01.1944) verliehen worden. Im Winter des Jahres 1944-45, als DAS LEBEN GEHT WEITER gedreht wurde, tat sie zudem sonntags Dienst im Berliner ‚Westend-Lazarett’ bei den Schwerstverwundeten. Die letzte bereits im Treatment niedergeschriebene Szene des Films – die allerdings nicht eindeutig einem Autor zugeordnet werden kann - ist quasi wie aus dem Fenster des Lazaretts beobachtet:  „In den Trümmern beginnt wieder das Leben. Berlin stemmt sich gegen den Terror. (Möglichst Dokumentarmaterial) […] Wir sehen ausgebrannte Straßenbahnen, aufs Plaster hängende Starkstromdrähte, eine zusammengestürzte Straßenbrücke mit Gleisen, einen getroffenenen Stadtbahnhof. Der Verkehr liegt still. Von diesem Bahnhof her setzt sich ein kleiner Zug Menschen in Marsch, die zur Arbeitsstätte laufen. Die meisten haben gegen den fliegenden Brandstaub und Ruß Brillen, Tücher oder selbst Gasmasken vorgebunden. Da und dort trägt noch einer den Stahlhelm. Einige, die alles verloren haben, tragen zerfetzte oder merkwürdig zusammengestellte Kleider. Andere haben wie immer die Arbeits- oder Aktentasche bei sich. Der Zug mündet in eine Hauptstraße.Er ist immer breiter und mächtiger und länger geworden. […] Die Spitze des Zuges kommt über eine Bodenschwelle. Kamera fotografiert von unten. Die Menschen singen nicht. Sie haben auch keinen Gleichtritt […] Unendlich strömt der Zug. Denn das Leben geht weiter!“ (Blumenberg, Hans-Christoph: Das Leben geht weiter. Der letzte Film des Dritten Reichs. Berlin: Rowohlt • Berlin Verlag GmbH 1993. S. 29/30.) Liest man das Treatment von DAS LEBEN GEHT WEITER, fühlt man sich sofort an den Thea von Harbou-Roman ‚Gartenstraße 64’ erinnert, der 1952 beim Berliner Verlag Ullstein erschien. Hier wie da werden das Zusammenleben einiger Familien in einem Berliner Mietshaus beschrieben. Die medial bewanderte Autorin hatte die Grundkonstellation der Geschichte von der Kriegs- in die Nachkriegszeit transferiert, unter allerdings veränderten ideologischen Rahmenbedingungen. Das Leben in den Ruinen ging weiter – und eine der emsigsten Aufbauhelferinnen, mit Hand und Feder, war Thea von Harbou. Für den Herstellungsleiter von DAS LEBEN GEHT WEITER, den Regisseur Karl Ritter, einem überzeugten Rassisten und Antisemiten und seines Zeichens Kämpfer in Wort und Bild gegen ‚den Geist von Weimar’, Pazifisten, Intellektuelle, Linke und ‚slawische Untermenschen’, schrieb Thea von Harbou in der Nachkriegszeit übrigens einen Filmentwurf und ein Treatment mit dem Titel HARUN AL RASCHID. Dieser Film sollte die erste Regiearbeit von Karl Ritter nach 1945 werden, wurde aber nie realisiert: Exposé und Treatment befanden sich im Nachlass von Thea von Harbou.
Eine Arbeitsprobe des vdfk-Mitglieds Dr. Reinhold Keiner. Nachdruck nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.